Manifest #4 – Magdalena Kovarik

Das Digitale, und die dazugehörigen Werkzeuge, sind nicht mehr wegzudenken aus unserer modernen Gesellschaft. Ob willkürlich oder unwillkürlich, bemächtigen wir uns ihrer non-stop. Sowohl in der Kunst, wie auch in der Kommunikation, der Organisation, der Transformation und der Wissensvermittlung. In der Schule, im Museum, in der U-Bahn, beim ArbeitenKochenHandwerkenKonsumierenFlirtenFeiern, selbst beim Beten oder Meditieren. Das Digitale gehört zu den ‘Natürlichen Eigenschaften’ unseres Jetzts. Und wird dadurch zum Postdigitalen. Zum Vorhandenen, nicht zum Verhandelten. Dieses Spannungsfeld zwischen Allgegenwärtigkeit und Allmacht, kann jedoch trotzdem nicht einfach hingenommen werden. Muss kuratiert, hinterfragt, er- und entmaechtigt werden.
In meinen eigenen Projekten, sei es Design oder politische Kunst, Interaktion, oder Bespielung, ist das Digitale, ‘Tech’, niemals der Inhalt, sondern immer nur das Vehikel um diesen zu vermitteln. In meinen experimentell-dokumentarischen Projekten geht es mir darum, Empathie zu erwecken, dort wo traditionelle Medien scheitern. Wir scheinen immun geworden zu sein, gegen die täglich auf uns hereinbrechende Flut an Bildern und Videos von menschlicher Not und Zerstoerung. Neue Technologien sind eine Chance, alternative Wege zu finden, um Menschen zu berühren. Z.B. Virtual Reality zu nutzen, um näher an das Schicksal, an die Lebenssituation, anderer heranzukommen, und somit auch gegen die Objektivierung, die Entkoppelung vom realem Individuum und dem was auf den Bildschirmen zu sehen ist, anzukämpfen. So kann man eine Story unterschiedlich erzaehlen, auf verschiedenen Sinnes-Ebenen hindurchführen. So koennen zum Beispiel die Sounds einer Reise, die der Besucher über Lichtsensoren aktiviert, wenn er einen Koffer oeffnet, die Geschichte eines verlorenen Zuhauses erzaehlen. Das partizipative Element einer nichtlinearen Web-Dokumentation, in welcher der Nutzer vom Konsumenten zum Gestalter wird, ist eine Handlungsaufforderung, sich in die Situation hineinzuversetzen, zu denken “was wuerde ich tun wenn..”  Denn meistens hat auch das Kind zu dem Bild, das es selber zeichnet, ein Gefuehl, eine Geschichte zu erzaehlen; und nicht zu dem, das es gerahmt an einer Wand sieht.
Als Experience Designerin probiere ich mit Hilfe von interaktive Technologien – Sensoren und Motoren, responsiven Visuals oder Sounds – Geschichten und Wissen, im wahrsten Sinne des Wortes, angreifbar, hörbar, tastbar, erlebbar, zu machen. Möchte ich zum Beispiel die Kulturgeschichte des Kochens erzählen, lasse ich Töpfe und Schneebesen gemeinsam ‘musizieren’, wenn sie mit der Hand berührt werden und sich so ein Schaltkreis schließt. Alles kann ein Schalter werden, touchpoints, die einen Moment des Engagements herstellen. Den Besucher zum Akteur machen. Denn nichts transportiert ein Gefühl schneller als ein Geräusch oder Geruch, der einen direkt in seine Kindheit und Omas Küche zurückkatapultiert. Auch hier sehe ich Technologie als Mittel zur emotionalen Mobilisierung. Um Menschen da abzuholen, wo sie es kennen, Rituale aufzugreifen, Erinnerungen zu wecken, Analogien zu entwickeln und mit digitalen Elementen so zu verknüpfen, dass Remixes, ein neuer Raum für Cross-Over-Erlebnisse entsteht. So spricht man nicht umsonst von ‘Physical Computing’ wenn ein Mensch beispielsweise über Sensoren einen Computer kontrolliert. Aber es geht nicht nur darum Brücken zu schlagen zwischen dem physischen und dem digitalen Raum, zwischen Mensch und Maschine, sondern auch zwischen Menschen verschiedener Sprache, Kultur und Sinnlichkeit; verschiedener Konstitution. Inklusion durch Immersion.
Im Rahmen von PKKB möchte ich aber auch den urbanen Raum ins Zentrum rücken. Denn der urbane Raum sollte, genauso wie klassische Kulturinstitutionen, Museen, Theater, als Ort und Chance für ‘kulturelle Bildung’ gesehen werden. Er gehört uns allen, er kostet keinen Eintritt, Geschichte und Referenz muss nicht gestaltet werden, sondern ist unweigerlich da. Er ist unmittelbar, bespielbar, einforderbar. Er ist das, wo wir uns im täglichen Leben begegnen. Mit Hilfe von neuen Technologien und Vernetzungssystemen können wir diesen urbanen Raum nutzen, wir können intervenieren. Wir können durch  Videoprojektionen oder interaktive ortsspezifische Installationen das jetzt mit dem tatsächlichen Hier & Jetzt verorten. Multimedialer Aktivismus des 21. Jahrhunderts. Wir können mit Hilfe mobiler Geräte urbane Spiele entwickeln und Geschichte, Stadt und Community lernen und erleben.
So wie unsere Straßen und Plätze öffentlicher Raum sind, so ist es auch das Internet.
Die sagenumwobene ‘Digitalisierung’, von welcher Politiker seit einem Jahrzehnt sprechen, ist nicht getan damit, Bildungsinstitutionen mit Laptops auszurüsten. Ich sehe eine viel größere gesellschaftspolitische Chance darin. Man muss Kindern und jungen Erwachsenen nahe bringen, dass das Internet kein konsumativer Raum sein muss, dass man noch nie so eine große Reichweite wie jetzt so einfach und bequem bespielen, ja sogar selbst gestalten, konnte. Dass man Websites benutzen kann, dass man sie aber auch selber bauen kann, dass man auf ihnen auch lernen kann wie man Websites bauen kann und dass man dann auch Websites bauen kann auf denen man lehrt wie man Websites bauen kann. Und all das aus dem eigenen Kinderzimmer. Dass man sich vernetzen kann, nicht um zu shitstormen, sondern um gegen den Shit anzustormen. Dass man Kunst machen kann und diese ausstellen und bewerben. Ohne eine Galerie zu brauchen, oder ein Studium, oder besonders viel Geld, Kontakte, Vetternwirtschaft. Denn das Internet ist ein Selbstläufer, im guten wie im Schlechten. Eine Demokratiemühle, ein demokratischer Albtraum. Ich sehe die Digitalisierung vor allem als Chance zur Politisierung einer neuen Generation der Mitgestalter. Denn Wissen ist Macht und praktische Implementierung noch viel mehr.

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