Manifest #1 – Judith Ackermann

Fragmente zu drei Bereichen:
1. Die Alltäglichkeit des Digitalen und sein damit einhergehendes Verschwinden
Wenn wir in einem Postdigitalen Zeitalter leben meint dies für mich, dass wir die Zeit, in der wir das Digitale als etwas Besonderes sui generis von außen betrachtet, bewundert und gleichermaßen gefürchtet haben, weitgehend hinter uns gelassen haben. Das Digitale hat sich einen festen Stellenwert in unserem Alltag erarbeitet, wir stehen zu ihm auch weiterhin ganz unterschiedlich, aber es wird trotz all seiner technologischen Verfasstheit zunehmend als etwas quasi-natürliches angesehen, das untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden ist. Damit wird es für die Soziale Arbeit, die sich als Wissenschaft, die den Menschen in den Vordergrund rückt, versteht, zu einem zentralen und unhintergehbaren Einsatzgebiet. Die Profession ist gefordert, sich aktiv mit digitalen Kulturen und Praktiken auseinanderzusetzen, um eine weitgehend digitalisierte Lebenswelt, welche sich auf gesellschaftlicher, individueller und institutioneller Ebene äußert, anerkennen und gezielt adressieren zu können. Darüber hinaus gilt es die aktive Gestaltung der postdigitalen Lebensweise zu begleiten und zu unterstützen. Dies ist umso entscheidender, da bisher nicht final geklärt ist, ob sich das Postdigitale in seiner Ausrichtung eher als widerständige Abkehr vom Digitalen hin zum Analogen darstellt oder als Suche nach einer spezifischen neuen Qualität der hybriden Realität menschlichen Lebens.
2. Die Verschmelzung digitaler und physischer Welten unter postdigitalen Bedingungen
Durch die zunehmende Verkoppelung von digitalen Geräten und physischen Körpern (insbesondere durch Mobilmedien) wirken die vordem als distinkt wahrgenommenen Bereiche der digitalen und der physischen Welt zunehmend auf- und ineinander und lassen sich kaum noch ohne einander denken. Das Leben in Hybriden Realitäten oder an Hybriden Orten ist zum Regelfall geworden, zur Norm, der Mensch zum cyborgesken Wesen. Seine Bewegungen und Handlungen nehmen zu gleichen Teilen Einfluss auf digitale und physische Sphäre – dies schließt bewusste Überbrückungsaktivitäten ebenso ein wie unbewusste Verschränkungen. Seine sozialen Netze werden digital gespiegelt und ausgelagert und lassen sich durch die überdauernde Konnektivität zu jeder Zeit und an jedem Ort aktivieren. Trotzdem hält der Mensch geradezu krampfhaft an seiner Separiertheit vom mobilen Interface fest. Die finale Verschmelzung des Körpers mit dem Digitalen sieht er – nicht selten als Schreckgespenst – zwar deutlich vor sich, spricht ihre Realisierung aber weiterhin den, scheinbar zu bemitleidenden, Folgegenerationen zu. Kognitive Dissonanzen prägen zunehmend seinen Umgang mit digitalen und insbesondere vernetzten Technologien. Digitale Folgen physischer Aktivitäten werden antizipiert und wirken mitunter handlungshemmend – der menschliche Körper erscheint als digital erweiterter Hybrid und erhält eine neue Form.
3. Künstlerische Praktiken als Mittel zur aktiven Gestaltung Hybrider Realitäten
Während auf der einen Seite Nutzungsweisen zunehmend subversiv gebrochen und verkehrt werden – insbesondere von einer digital affinen und kompetenten Gruppe – erfolgt die Integration digitaler Technologien in den individuellen und gesellschaftlichen Alltag auf der anderen Seite nicht selten unreflektiert, eher als Form eines Automatismus denn als bewusste Zuwendung und/oder Entscheidung. Eine Verweigerung gegenüber digitalen Technologien wird dennoch oder gerade deswegen äußerst kritisch beäugt und mit Fortschrittsverweigerung in Verbindung gesetzt. Dies ist der Punkt an dem PKKB ansetzt und Wandel anstoßen möchte. Eine unserer Thesen ist, dass insbesondere künstlerische Praktiken, die sich digitaler Methoden bedienen, das Potential bergen, die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen und Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge zu thematisieren und kritisch zu reflektieren, sich ihrem Verschwinden entgegen zu stellen und damit Bewusstsein herzustellen. Künstlerisches Handeln gestattet es Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, Grenzen außer Kraft zu setzen und Problemlösungswege neu zu denken. Es erlaubt das gleichzeitige Einnehmen von interessierten und fragenden, kritischen und spielerischen Perspektiven auf Praktiken und Artefakte des Digitalen und ermöglicht das handelnde Erproben von Nutzungs- und Produktionsvarianten. Auf diese Weise können die im Rahmen des Projekts im Fokus stehenden Kunstpraktiken Menschen zur aktiven Gestaltung ihrer mediatisieren Realität befähigen und damit eine wichtige Form von Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeit im postdigitalen Zeitalter anstoßen. Hierfür ist der kontinuierliche Dialog zwischen Wissenschaften, Kunst und Gesellschaft von nicht zu überschätzendem Wert und soll auch im Rahmen des Projekts und dem heutigen Kick-Off-Event gelebt und zelebriert werden.

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